Der zerstreute Professor von Gotha
Johann Georg August Galletti: Dicke Bücher und Kathederblüten

Geschrieben hat der Mann wie ein Weltmeister: Fünf Bände Geschichte des Herzogtums Gotha, sechs Bände Thüringer Historie, zehn Bände deutsche und 27 Bände Weltgeschichte, dazu unzählige weitere Bücher und Zeitungsartikel zu Geschichte und Geographie. Doch all das ist nur noch für Sammler alter Folianten interessant, die Gothaische Geschichte etwa geht nur für vierstellige Marktbeträge über den Antiquariatstische. Gelesen und zitiert wird Johann Georg August Galletti allerdings meist in nur kurzen Sprüchen, die zudem meist gar nicht aus seinen Büchern stammen, sondern aus dem Aufzeichnungen seiner Schüler und Freunde.

Galletti gilt als der Vater der Stilblüte. Der am Gymnasium Gotha (dem heutigem Ernestinum) als Lehrer für Geographie und Geschichte tätige „zerstreute Professor“ verwechselte gern Zahlen und Wörter, was kuriose Aussprüche ergab. Doch oft verdrehte und entstellte er beabsichtigte Aussagen vollkommen, was die Klasse erheiterte und den sonst so trockenen Unterricht auflockerte: „Nach der Schlacht bei Leipzig sah man Pferde, denen drei, vier und noch mehr Beine abgeschossen waren, herrenlos herumlaufen.“

Johann Georg August Galletti wurde am 19. August 1750 in Altenburg als Sohn des aus der Toskana stammenden Opernsängers und - librettisten Giovanni Andrea Galletti (*1710, †1784). Der Geburtsort ist lediglich dem Umstand zu danken, dass der gothaische Hof samt herzoglicher Kapelle, bei der Vater Galletti in Lohn und Brot stand, auf einem Landtag in Altenburg weilte. Fast sein ganzes Leben verbrachte Johann Georg August Galletti in Gotha, wo er am 25. März 1828 starb. 

Von 1778 bis zu seiner Pensionierung 1819 war Galletti am Gymnasium Gotha tätig, zuletzt als Professor sowie „Hofrath und Historiograph des gothaischen Landes“. Die meisten der von ihm überlieferten Stilblüten dürften aus den späten Jahren seiner Lehrtätigkeit stammen. 

Eine amüsante Geschichte ist aus dem Jenaer Freundeskreis Friedrich Schillers überliefert, der Galletti einen der „langweiligsten und geistlosesten Historiker, die je gelebt haben“ nannte - dies freilich, ohne den Gothaer je getroffen zu haben, vielmehr aus dem Studium seiner Bücher, die zumeist nur Aufzählungen von an Kriegen und Fürstenhäusern festgemachten Daten und Fakten waren. Ludwig Friedrich Göritz, ein Freund und Zeitgenosse Schillers in Jena, berichtet, wie einige Freunde Schiller einen Streich spielten, indem sie einen angeblichen Brief Gallettis an Schiller fingierten. Darin bietet Galletti Schiller seine Hilfe bei dessen historischen Studien („Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“ und „Geschichte des Abfalles der Vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung“) an, den Stoff gemeinschaftlich zu bearbeiten. Schiller hat sich darüber im Freundeskreis heftig echauffiert und Galletti einen Esel genannt, „der nie gewußt und eine Ahnung von dem gehabt habe, was Geschichte sei.“ (Göritz)

Die Zeit selbst hat das Urteil über Gallettis Bücher, teilweise im Eigenverlag herausgebracht, gesprochen. Doch überdauert haben seine Kathederblüten, auch wenn viele nicht verbürgt sind und seinen Schülern - allerdings im Geiste Gallettis - zugeschrieben werden. Für Heiterkeit sorgen sie bis heute. Schade nur, dass in seiner Heimatstadt Gotha, nach Galletti an drei Flüssen gelegen („an der Leine, der Nesse und der Siebleber Chaussee“), so wenig an das weithin bekannte Unikum erinnert. Immerhin wurde 1991 eine Straße nach ihm benannt.

Matthias Opatz (2001)

Anmerkung: Kein Veröffentlichung dieses Textes ohne Genehmigung des Autors
Zeichnung: aus Dr. H. Langes Volksschulatlas, Braunschweig 1878


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